Schwestern und Brüder
vom heiligen Benedikt Labre e.V.

Unterwegs mit der „Möwe Jonathan“

Seit seiner Begegnung mit zwei Obdachlosen in der Fußgängerzone begann Walter Lorenz in den 80er Jahren, seine Freunde von der Straße regelmäßig zu besuchen – mit Tee und Brot. Schnell wurde er zum „Tee-Walter“, auf den sie warteten und sich freuten, ihn zu sehen. Aus dem kleinen Rundgang zu Fuß durch die Innenstadt wurde bald eine größere Tour auf dem Rad und dem Mofa.

Mit der Gründung der ersten Wohngemeinschaft, dem Haus vom hl. Benedikt Labre 1985, scharte sich eine Gruppe von Helfern um Walter, der erste Bus wurde gekauft und „Möwe Jonathan“ getauft. So wurde das Tee-Ausfahren zu einer festen Einrichtung, die aus der Stadt München nicht mehr wegzudenken ist.

Walter selber fuhr, bis er in seinen letzten Lebensjahren aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr konnte, jeden Sonntag. Bei ihm „lernten“ auch die neuen Teefahrer, hörten seine Geschichten, bekamen erklärt, was besonders wichtig ist – z.B. beim Begrüßen, die Hand zu geben und den einzelnen Menschen dabei anzuschauen.

Ohne die Teefahrer und -fahrerinnen könnte das Tee-Ausschenken nicht durchgehalten werden. Jeden Abend sind sie unterwegs – mit großer Begeisterung und Freude und vor allem in großer Treue und Verläßlichkeit! Viele fahren seit Jahren und Jahrzehnten, andere für einige Zeit. Sie kommen aus allen Ecken unserer Gesellschaft, haben die unterschiedlichsten Lebensentwürfe und Berufe; Jung und Alt finden sich zusammen in diesem einen Werk, mit diesem einen Wunsch: die Freunde von der Straße zu besuchen, Zeit mit ihnen zu verbringen, Begegnung zu ermöglichen.

Hier sollen sie nun zu Wort kommen. In loser Folge erzählen unsere Ehrenamtlichen unter dem Kapitel „Aktuelles“ über sich und ihre Erlebnisse beim Teefahren. Hier werden diese Geschichten gesammelt und erhalten. Wir können gespannt sein auf die Vielfalt und die individuellen Eindrücke.

 

 

30. August 2021

Teefahrer-Geschichte von Wolfgang Sreter

Mein Name ist Wolfgang Sréter. Ich arbeite als Autor und Fotograf.
Vor einigen Jahren schrieb Felix Leibrock, der zu diesem Zeitpunkt offensichtlich schon länger als Fahrer unterwegs war, eine Rundmail, dass in der Pommernstrasse Fahrer gesucht würden. Ich meldete mich, Maria nahm mich mit auf eine Tour, und als wir an diesem Abend die Runde beendet hatten, wusste ich, das will ich machen. Seit dieser Zeit fahre ich ein- oder zweimal im Monat, je nach dem, wie oft ich in München bin.
Ich kenne inzwischen viele der Menschen, die an unsere Standplätze kommen. Ich freue mich jedes
Mal, wenn ich sie – noch bei guter Gesundheit – sehe und wenn sie sich auch freuen, weil wir
zuverlässig an 364 Tagen im Jahr mit dem blauen Bus kommen, nachdem wir das Essen in den
Innenstadtklöstern abgeholt haben. Ich bin allerdings auch beunruhigt, wenn ich jemanden längere
Zeit vermisse. Und ich freue mich auf die Gespräche während der Fahrt im Bus. Ich bewundere die
Ärzte, die drei Mal in der Woche mit dem Arztmobil unterwegs sind und mit großer Gelassenheit ihre Arbeit machen.
Das Teefahren hat meine Sicht auf die Stadt verändert, in der ich nun schon so lange lebe. Auch
wenn ich an anderen Tagen in der Innenstadt unterwegs bin, halte ich die Augen offen, ob ich
jemanden sehe, den ich begrüßen kann. Jeden Abend, wenn ich nach einer Runde nach Hause
komme, beschäftigen mich die Menschen, denen ich begegnet bin. Auch nach all den Jahren bin ich
in Sorge, wie sie die Nacht überstehen, vor allem, wenn es kalt ist oder regnet.
Meine Zusammenarbeit mit euch in der Pommernstrasse hat mich in der Überzeugung bestärkt, dass man Menschen aus der Obdachlosigkeit holen kann, wenn man das wirklich will und eine Vision dafür entwickelt.
Ich würde mich freuen, wenn es heuer im Advent wieder eine Begegnung mit allen Fahrer*innen und Mitfahrer*innen geben könnte. Und wenn es noch mehr Käsebrote gibt, freuen sich auch die Menschen auf der Straße.