Schwestern und Brüder
vom heiligen Benedikt Labre e.V.

Unterwegs mit der „Möwe Jonathan“

Seit seiner Begegnung mit zwei Obdachlosen in der Fußgängerzone begann Walter Lorenz in den 80er Jahren, seine Freunde von der Straße regelmäßig zu besuchen – mit Tee und Brot. Schnell wurde er zum „Tee-Walter“, auf den sie warteten und sich freuten, ihn zu sehen. Aus dem kleinen Rundgang zu Fuß durch die Innenstadt wurde bald eine größere Tour auf dem Rad und dem Mofa.

Mit der Gründung der ersten Wohngemeinschaft, dem Haus vom hl. Benedikt Labre 1985, scharte sich eine Gruppe von Helfern um Walter, der erste Bus wurde gekauft und „Möwe Jonathan“ getauft. So wurde das Tee-Ausfahren zu einer festen Einrichtung, die aus der Stadt München nicht mehr wegzudenken ist.

Walter selber fuhr, bis er in seinen letzten Lebensjahren aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr konnte, jeden Sonntag. Bei ihm „lernten“ auch die neuen Teefahrer, hörten seine Geschichten, bekamen erklärt, was besonders wichtig ist – z.B. beim Begrüßen, die Hand zu geben und den einzelnen Menschen dabei anzuschauen.

Ohne die Teefahrer und -fahrerinnen könnte das Tee-Ausschenken nicht durchgehalten werden. Jeden Abend sind sie unterwegs – mit großer Begeisterung und Freude und vor allem in großer Treue und Verläßlichkeit! Viele fahren seit Jahren und Jahrzehnten, andere für einige Zeit. Sie kommen aus allen Ecken unserer Gesellschaft, haben die unterschiedlichsten Lebensentwürfe und Berufe; Jung und Alt finden sich zusammen in diesem einen Werk, mit diesem einen Wunsch: die Freunde von der Straße zu besuchen, Zeit mit ihnen zu verbringen, Begegnung zu ermöglichen.

Hier sollen sie nun zu Wort kommen. In loser Folge erzählen unsere Ehrenamtlichen unter dem Kapitel „Aktuelles“ über sich und ihre Erlebnisse beim Teefahren. Hier werden diese Geschichten gesammelt und erhalten. Wir können gespannt sein auf die Vielfalt und die individuellen Eindrücke.

Felix Leibrock

Mit der Möwe fliegen

Zweieinhalb Jahre habe ich in München keine Wohnung gefunden. Gesucht habe ich ein einfaches Apartment, mit eigener Dusche und kleiner Küche. Als evangelischer Pfarrer habe ich mir gute Chancen ausgerechnet, etwas zu finden. Vergebens. Möblierte Zimmer bekam ich, ja, die schon. Aber die Verträge dort, wenn es überhaupt welche gab, waren sittenwidrig. Tagsüber durfte ich das Zimmer nicht benutzen. Oder die Vermieterin kam nachts, wenn ich schlief, einfach ins Zimmer, um die Blumen zu gießen. Eine andere verlangte, ich möge auf Knien duschen. Ein LKW-Fahrer in Waldperlach ließ mich die Miete bezahlen und sagte mir danach, das Zimmer im Keller sei ohne Heizung. Der Mitarbeiter eines städtischen Friedhofs bot mir an, seine Dienstwohnung auf dem Friedhof zu nutzen, allerdings nur jede zweite Woche …

Zweieinhalb Jahre später habe ich dann endlich eine eigene kleine Wohnung gefunden. Was für ein Geschenk, die Tür von innen zu schließen! Zu duschen, wann ich wollte! Das erfüllt mich seitdem mit großem Dank. Dann sah ich den Bus, die Möwe Jonathan. Eine junge Frau, ein älterer Herr verteilten Lebensmittel an Obdachlose. Für mich ein Wink des Himmels: Jetzt kannst du deinen Dank auch zeigen, habe ich mir gedacht. Ich habe beim Verein angerufen, der den Bus organisiert. Dann die erste Fahrt. Am 2. August 2015 nahm mich der Tee-Walter an einem Sonntag mit. Neben den üblichen Broten und Obst hatte er Zigarillos dabei. Nicht nur deshalb flogen ihm die Herzen zu. Er sah für mich ein bisschen aus, wie ich mir als Kind den lieben Gott vorgestellt habe. Auch zürnen konnte er, als uns einer am Bus provozierte und mehr wollte als die anderen. Da hat er ihn mit bairischen Worten zurechtgewiesen, die sich gewaschen hatten! Was für wunderbare Begegnungen habe ich seitdem mit unseren Freundinnen und Freunden auf der Straße gehabt! So viel habe ich gelernt: Wie man mit schwierigen Phasen im Leben umgeht. Wie man trotz schwierigster Umstände dem Leben einen Wert abgewinnt. Dazu kamen die Gespräche in der Pommernstraße vor den Fahrten mit der Möwe Jonathan: Mit dem Tee-Walter, Elisabeth und Annegret. Oft waren sie vor lauter Zigarettenrauch nur schemenhaft zu erkennen. Aber sie haben mich immer wieder unterschwellig spüren lassen, etwas wirklich Sinnvolles und Gutes zu tun. Letztlich das, was der Mann aus Nazareth vorgelebt hat und was einer darauf fußenden Kirche gut ansteht: An  den Rand der Gesellschaft zu gehen. Für die da zu sein, die niemand beachtet. Nicht Mitleid zu äußern, sondern zu handeln. Danke, Möwe Jonathan, dass ich immer mal mit dir fliegen darf!

 

Bertl Henrici

Servus mitanand!

Mein Name ist Bernd Henrici, obwohl eigentlich alle Bertl zu mir sagen.

Geboren wurde ich 1967 in München. Ich arbeite als KFZ-Meister in einer Werkstatt nahe des Hauses vom Hl. Vinzenz von Paul auf den Schrederwiesen. Durch diese räumliche Nähe entstand auch mein erster Kontakt zum Verein Schwestern und Brüder vom hl. Benedikt Labre e.V. Zum einen, weil wir  das eine oder andere Fahrzeug des Vereins bei uns reparieren und zum anderen, weil ich mich regelmäßig mit dem Mitglied der Hausleitung Stefan Hledik auf einen Kaffee und Zigarette treffe. Während einer dieser Pausen im Frühjahr 2020 unterhielten wir uns wie immer über dies und das, als er erwähnte, dass er heute Abend noch Tee fahren müsste, weil coronabedingt ein Engpass bei den Teefahrern entstand. Ich habe ihm ohne groß nachzufragen angeboten, falls mal Not am Mann wäre, könnte ich ihm gerne aushelfen. Am nächsten Tag stand er dann bei uns vor der Werkstatt und meinte, dass es jetzt Zeit für meine erste Teebus-Tour wäre. Seit diesem Zeitpunkt fahre ich zweimal im Monat den Bus die Runde durch die Stadt. Gemeinsam mit meinen Mitfahrer*innen bringen wir Tee und belegte Brote aus den Klöstern an die unterschiedlichen Plätze, wie zum Beispiel ans Isartor oder an den Rossmarkt. In den kalten Monaten haben wir auch einen großen Topf Suppe dabei. Wir sind immer zu zweit als Ehrenamtler unterwegs, fahren trotz oft widriger Verhältnisse, bei Wind und Wetter oder auch mal schlechter Stimmungslage am Verteilungsort gerne zu den Menschen die Draußen leben. Meistens verläuft Dank der herzlichen gleichgesinnten Helfer*innen die Verteilung problemlos. Natürlich hinterlassen die Erlebnisse an den Haltepunkten auch Spuren in einem selbst. Die echten existenziellen Themen und Probleme der Menschen auf der Straße, sind mit den Luxusproblemen unserer Konsumgesellschaft nicht vergleichbar. Da stehen Fragen, wie „Wo finde ich einen sicheren Schlafplatz?“ und „Wo bekomme ich etwas zu essen“ an erster Stelle. Ich bin froh und dankbar, dass ich mit diesem Ehrenamt mithelfen kann, die Menschen draußen in ihren Nöten zu unterstützen. Der Blick auf das wirklich Wichtige, das Hinschauen und das tatkräftige Mithelfen bleibt mir durch dieses Ehrenamt erhalten.  Nachhaltig beeindruckt hat mich die Erzählung eines Mannes, der regelmäßig am Hochhaus an der Blumenstraße für Tee und Brote erschienen war. Er sagte, er könne zeitweise in der Wohnung eines alten Bekannten übernachten, da dieser einen längeren Auslandsaufenthalt hätte. Er meinte, dass er die ersten Nächte nicht im Bett sondern auf dem Boden verbrachte, da er mit der Matratze nicht zu recht kam.  Sein Körper hatte sich an den harten, kalten Boden angepasst. Seither habe ich ihn nicht mehr an der Ausgabestelle angetroffen. Ich hoffe, dass es ihm gut geht und er in dieser Unterkunft bleiben konnte. So, jetzt hoffe ich auf weiterhin hohe Spendenbereitschaft für dieses wichtige Projekt der Schwestern und Brüder vom hl. Benedikt Labre e.V. und wünsche allen das Beste

Euer Bertl

Norbert Trischler

Dreißig Jahre lang war ich im Gefängnis. Dann wechselte ich 2019 noch einmal von der Gefängnisseelsorge zur Obdachlosen-und Wohnungslosen-Seelsorge der Erzdiözese München und Freising.Jetzt sollte ich als Seelsorger den Menschen auf der Straße begegnen. Doch wie mache ich das? Wie komme ich an diese Menschen ran? … Am besten wohl über bestehende Einrichtungen und Organisationen wie die Ausgabestellen für Essen bei den Klöstern und Kirchen, über Sant’ Egidio und über den Teebus, die ‚Möwe Jonathan’. So bewarb ich mich als Teefahrer im Benedikt-Labre-Haus, das ich vom Weber Toni und vom Egle Toni, zwei mir aus meiner Jugend gut bekannten und altgedienten Teefahrern kannte.

Ich hatte schon immer ein Herz für die Menschen am Rande der Gesellschaft, bin
irgendwie selbst einer von ihnen und lebe seit 1995 mit meiner Frau zusammen mit
strafentlassenen Menschen in einer familienähnlichen WG. Nun konnte ich auf diese
Weise auch den Freunden auf der Straße näher kommen. Ich möchte ihnen auf
Augenhöhe begegnen und sie spüren lassen, dass sie für mich trotz ‚gesellschaftlichen
Scheiterns‘ wertvolle Menschen sind. Der Wert eines Menschen hängt schließlich nicht
von seinem Bankkonto, seinem beruflichen Status, seiner Bildung oder seiner Intelligenz ab. Jeder Mensch ist aus sich selbst heraus wertvoll, weil von Gott geliebt und gewollt. Diesen inneren Wert eines jeden Menschen suche ich, sei er äußerlich manchmal noch so überdeckt und entstellt.
Auch der Hl. Bischof Nikolaus hatte ein großes Herz für die Armen. Jedes Jahr um den
6.Dezember herum gestalten wir an den Teebusstationen ein Nikolausspiel. Wir singen
Nikolauslieder, erzählen die Nikolausgeschichte in Reimform und beschenken die Menschen mit kleinen Gaben. Unsere Freunde werden da wie Kinder und spielen richtig nett mit. Letztes Jahr mussten wir den Christoph in den Sack stecken, weil er etwas zu viel getrunken hatte.
Je länger ich mit den Menschen auf der Straße unterwegs bin, desto mehr spüre ich: Das sind
meine Freunde, mit denen ich ein Stückmeines Lebens teile und von denen auch ich
viel an Liebe zurückbekomme. Ob ich nun als Seelsorger oder als Privatmann beim
Teefahren unterwegs bin, das weiß ich nicht. Vielleicht einfach als Norbert. Jedenfalls
werde ich diesen Dienst über meine Berufszeit hinaus auch in der Rente fortsetzen.

Lukas Schöne

„Danke für den Respekt!“ – diesen Satz höre ich inzwischen bei fast jeder Teefahrt. Ein Mann sagt ihn, der mit vielen anderen unserer Freunde am Isartor auf die Möwe Jonathan wartet. Lange kommt er noch nicht zu uns. Ich schätze, dass er nicht viel älter ist als ich. Vielleicht Anfang, höchstens Mitte 30. Sein Akzent verrät, dass er wohl aus Osteuropa stammt. Meist riecht sein Atem nach Alkohol und seine Augen schauen trübe an mir vorbei, wenn er spricht. Ich weiß nicht viel über ihn, kenne nicht einmal seinen Namen. Aber unter all dem Schmerz, den das Leben ihm schon zugefügt haben muss, erkenne ich noch etwas anderes: Ein schelmisches Lachen, wenn ich versuche einen lockeren Spruch zu machen. Die Hände, die er zum Herzen führt, wenn wir ihm Brote, Tee oder Kleidung überreichen. Ich sehe einen Menschen, dem Humor und ein respektvoller Umgang wichtig sind. Es ist eine der vielen Begegnungen, die jede einzelne der abendlichen Touren durch die Stadt so einzigartig machen.

Überhaupt: Respekt. Wenn man die Gründe, warum ich Teefahrer bin, auf einen Kern herunterbrechen möchte, dann ist es wohl genau das. Oft wird in Sonntagsreden darüber gesprochen, dass ein respektvoller Umgang in der Gesellschaft besonders wichtig ist. Wenn es dann aber darum geht, einen angemessenen Umgang mit den weniger privilegierten Menschen zu finden, dann scheitern wir meist. Das zeigt sich in den viel zu häufig fast entmenschlicht geführten Debatten über Geflüchtete; das zeigt sich aber auch an der immer noch zu geringen Aufmerksamkeit für das Thema Obdachlosigkeit – von einigen kalten Tagen im Winter mal abgesehen, an denen dann ein paar mehr Berichte erscheinen. Wird es wieder wärmer, zieht die Aufmerksamkeit weiter. Doch die Menschen bleiben.

Wer wie ich das Glück hatte, privilegiert und behütet aufzuwachsen, mit einem Dach über den Kopf und einer liebenden Familie, der kennt das wahrscheinlich: Zwar trifft es einen natürlich, wenn man zum Beispiel Obdachlose im Winter auf der Straße sieht, aber wir haben – wenn vielleicht auch unterbewusst – eher gelernt weg- als hinzuschauen. Lieber nicht damit beschäftigen, ist viel zu oft die Devise. „Wer weiß, was der Mann mit den zwei Euro macht, die er von mir erbetteln wollte. Wahrscheinlich nur Alkohol kaufen!“ All diese schwachsinnigen Phrasen und Vorurteile, die auch in meinem jugendlichen Hirn herumgeisterten. Zumal ich in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen groß geworden bin, in dem Armut und Obdachlosigkeit keine Rolle spielten, bzw. nicht so offen zutage traten, wie das in München und anderen Großstädten leider der Fall ist.

Erst als ich 2018 anfing, als Journalist für das Münchner Kirchenradio zu arbeiten, habe ich mich mehr und mehr mit sozialen Themen beschäftigt. Klar, in Schule und Studium hatte ich mir immer wieder theoretische Gedanken gemacht und über politischen Theorien gebrütet. Aber dann wurde es für Reportagen und Berichte praktisch. Ob bei einer Nachtschicht in der Bahnhofsmission, bei Besuchen in Einrichtungen für ehemals wohnungslose Frauen oder schließlich, als ich für eine Sendung die Möwe Jonathan kennenlernte. Ich durfte einen Abend lang, im Januar 2019, mit Maria und einer Ehrenamtlichen unterwegs sein, war nachhaltig beeindruckt – und blieb.

Besonders gefällt mir, dass wir den Menschen auf der Straße da begegnen, wo sie sind. Wir kommen zu ihnen, ohne etwas dafür von ihnen zu erwarten. Allein diese Geste des Respekts imponierte mir von Anfang an sehr und imponiert mir bis heute. Leider durfte ich Walter Lorenz nicht mehr persönlich kennenlernen, doch aus Gesprächen und dem, was ich über ihn gelesen habe, meine ich zu wissen, dass genau das ihm ein tiefes Anliegen war: Nicht nur der „Essenslieferant“ zu sein, sondern auch Zeit und Begegnung auf Augenhöhe zu schenken. Ich finde, dieser Geist fährt jedes Mal mit, wenn der blaue Bus seine Runden dreht.

Vor allem, wenn wir auf Menschen treffen, die jeden Abend da sind, die „Stammgäste“, dann merkt man, dass der Ausdruck „Freunde auf der Straße“ viel mehr ist als eine Phrase. Da wird gelacht und gescherzt, aber auch ernste Themen werden besprochen. Es wird über Politik diskutiert oder über das Wetter gesprochen. Ich merke, wie sehr es die meisten freut, wenn ich sie mit Namen anspreche und mich an Details aus ihrem Leben erinnern kann, die sie mir bei anderer Gelegenheit mal erzählt haben. Andersherum bin ich genauso erfreut, wenn sich jemand an mich erinnert und zum Beispiel fragt: „Wie ist die Lage in NRW?“ Dann merke ich: Wir helfen den Menschen wirklich, indem wir jeden Abend zu ihnen kommen und ein fester Bestandteil ihres Tagesablaufs sind. Tee und Brote, so wichtig sie sind und so gerne sie natürlich genommen werden, sind dabei der Aufhänger für eine ehrliche Begegnung zwischen Menschen.

Nicht verschweigen sollte man aber natürlich, dass es nicht immer einfach ist und auch bedrückend sein kann. Wenn man beispielsweise eine Familie mit kleinen Kinder trifft, die heute wohl auf der Straße schlafen werden oder sich aus einer Situation heraus eine aggressive Stimmung zwischen ein paar Anwesenden aufbaut. Außerdem hatte ich schon einige Male damit zu kämpfen, wenn sich Menschen, denen wir begegnen, abfällig oder gar rassistisch über andere Bevölkerungsgruppen oder Geflüchtete äußern. Das widerspricht meinen tiefsten Überzeugungen und dann widerspreche ich auch vehement. Ich will den Menschen ehrlich gegenübertreten, so wie ich bin. Und dann gehört das eben dazu. Aber auch das ist eigentlich am Ende nicht verwunderlich. Schließlich haben wir es mit Menschen zu tun und mit all ihren Schwächen und Fehlern. Doch die guten Begegnungen überwiegen bei weitem.

Zu diesen Begegnungen zählen auch diejenigen mit den anderen Teefahren. Da ich Mitfahrer bin, treffe ich viele der Fahrer inzwischen regelmäßig im blauen Bus. Es ist eine schöne Allianz, die man für ein paar Stunden miteinander eingeht. Die Gespräche sind nie langweilig, nie belanglos, es ist immer viel mehr als nur Small Talk. Auch das ist schön und gibt mir sehr viel zurück. Überhaupt, bei allen altruistischen und gesellschaftlich motivierten Gründen für mein Engagement als Teefahrer: Natürlich mache ich das auch für mich selbst. Es tut gut und schärft meinen Blick auf diese Stadt, auf die Zustände des Landes generell. Jede Teefahrt erdet mich und hilft, meine eigenen Probleme und Sorgen wieder richtig einzusortieren.

Zum Schluss komme ich noch einmal auf das Thema „Respekt“ zurück: Ich empfinde einen tiefen Respekt und große Dankbarkeit für die Frauen und Männer des Vereins in der Pommernstraße, die ihr Leben der Hilfe für weniger privilegierte Menschen verschrieben haben. Ihre Herzensgüte und Empathie kommen in jedem Telefonat, jeder Mail und jeder der durch Corona viel zu selten gewordenen persönlichen Begegnungen deutlich zum Ausdruck. Danke!

Maria Jung

Ich heiße Maria Jung und bin seit April 2019 beim Teefahren dabei. Über die Seite Tatendrang München, die ehrenamtliche Tätigkeiten vermittelt, wurde ich auf die „Möwe Jonathan“ aufmerksam.

Ich bin Soziologin, habe in Konstanz und München studiert und arbeite im Bereich Kommunikation/Marketing. Ich bin 29 Jahre alt, lebe in Haidhausen und gehe liebend gerne in die Berge zum Wandern, treibe gerne Sport (Radeln, Boxtraining, Tanz) und gehe gerne ab und zu ins Theater.

Ich möchte einen Beitrag leisten, dass es Menschen in prekären Situationen besser geht. Wie oft läuft man an Menschen auf der Straße vorbei, hat ein Gefühl im Bauch dass man „doch etwas tun müsste“. Und das wollte ich, denn irgendwo muss man anfangen. Ich finde es wichtig und schätze es, eine feste Konstante im Leben unserer Freunde der Straße zu sein, ihnen mit Respekt zu begegnen und ihnen sei es mit einer Tasse heißem Tee oder Broten ein Stück mehr Lebensqualität zu geben.

Zahlreiche Gespräche, die mit Tränen in den Augen enden – allerdings vor Lachen auf unserer Seite sowie auf Seiten der Freunde der Straße. Bei jeder Fahrt trifft man auf freudige „alte Bekannte“, die schon auf unser Duo warten und sich – falls wir mal im Urlaub sind – sorgen, wo wir bleiben.

Einmal haben wir Kollegen Franz mit sehr viel Mühe aus seinem Rucksack befreit, in den er regelrecht eingeklemmt und gefangen war. Er hatte sich selbst eine Konstruktion gebaut, damit man ihn ihm nicht beim Schlafen vom Rücken klaut – wahrlich ein Hochsicherheitsgebilde.

Regelmäßig werden wir von Christoph mit Blumen überrascht, Georg mag keine Schokolade und schenkt uns ab und zu ein Twix, die er von der Tafel geschenkt bekommt – so haben manche das Gefühl, uns etwas zurückgeben zu können, was wir natürlich nie verlangen würden.

Eine Gruppe bulgarischer Saisonarbeiter, die schon in sehr betagtem Alter waren, haben sich eine kleine Musikbox bei eisigen Wintertemperaturen aufgestellt und zu „stayin alive“ von den BeeGees getanzt. Sie waren herrlich gut drauf und so haben wir uns anstecken lassen und für ein paar Minuten mitgetanzt. Die Füße wurden schnell warm, ein schöner Nebeneffekt.

Selten kommen unschöne Erfahrung dazu, bei denen man die körperlichen und mentalen Folgen durch Alkoholkonsum und fehlende Sozialkontakte beobachten muss und nichts tun kann. Teilweise wird man dann beschimpft, es wurde schon mit einem Brot nach uns geworfen oder uns gesagt, wie unverschämt man sei. Das ist und bleibt aber die Ausnahme.

Die Menschen sind mir teilweise sehr ans Herz gewachsen sind. Die Gespräche und oftmals das viele Lachen bei den Fahrten, einen Beitrag zu leisten und nicht wegzusehen – das alles hält mich weiter in diesem Ehrenamt.

Ich fahre seit über zwei Jahren als festes Team gemeinsam mit meinem Partner Thomas Jörg. Das Teefahren ist eine feste Konstante für uns und stärkt uns in unserer Beziehung – wir lernen voneinander, übereinander und stützen uns in schwierigeren Situationen beim Teefahren. Ich habe gelernt, dass ein stabiles und gesundes Umfeld, die Familie und Freunde sehr wichtig sind, um Hürden im Leben zu meistern. Das schätze und pflege ich seit dem Teefahren noch mehr als zuvor. Wichtig ist es, jedem Menschen würdevoll und mit Respekt zu begegnen, denn niemand ist gefeit vor Schicksalsschläge, die das Leben auf den Kopf stellen können – unabhängig von dem Leben, das man bis dahin geführt hat.

Jeder Mensch hat eine eigene Geschichte, man darf nicht die Menschen auf der Straße über einen Kamm scheren und von „ihnen“ sprechen. Ich habe darüber hinaus gelernt, wie sehr äußere Umstände Menschen prägen und verändern können, sodass Narben bleiben die nicht mehr weggehen und oftmals den Lebensmut nehmen.

Ich war als Kind jahrelang Messdienerin in der katholischen Kirche. Seit einigen Jahren bin ich allerdings aus der Kirche ausgetreten, was meine Tätigkeit beim Teefahren in keinerlei Weise beeinträchtigt oder beeinflusst – ich fahre aus Überzeugung und schätze es sehr, dass ich unabhängig meines Glaubens von der Gemeinschaft beim Teefahren aufgenommen werde und nie danach gefragt/bewertet wurde und werde.

Ich habe einen wahnsinnigen Respekt vor der Arbeit der Hauptamtlichen, vor der Geduld und der Wahmherzigkeit, mit der das Ganze organisiert und geleite wird. Ihr leistet einen sehr wertvollen Beitrag und seid die Seele, der Möwe Jonathan. Schön, dass es euch gibt!

 

Robert Zimmermann

Jahrgang 1970
Firmeninhaber INTERPAGEmedia (Internetagentur)

Das habe ich alles meiner Oma zu verdanken!
Schon in meiner Jugend hörte ich von meiner Oma (Hilde Schwaiger), dass sie öfters beim Teefahren für Obdachlose ist. Sie müsste so 1986 / 87 angefangen haben, also kurz nachdem Walter „Benedikt Labre“ gegründet hat.  Da war ich gerade 17 Jahre alt. Ich konnte mir darunter noch nicht so viel vorstellen. Mit Benedikt Labre und Walter bin ich dann auf dem Flohmarkt an den Schrederwiesen das erste mal in Berührung gekommen, da ich in der Zeit meine Oma (die auch auf dem Flohmarkt viel gearbeitet hat) hier öfters besucht habe. So ist also der erste Kontakt entstanden.

Seit der Zeit war ich mal mehr, mal weniger oft auf dem Flohmarkt, um meine Oma zu besuchen und natürlich auch um in den Flohmarktsachen zu kruschteln. Irgendwann (viel später) hatte mich der Verein Benedikt Labre auch beauftragt, eine Website  zu programmieren. So bin ich auch mit der Pommernstraße, mit Walter und Annegret, in Kontakt gekommen und auch, mit langen Pausen, geblieben.

Meine Oma Hilde ist leider 2011 gestorben. Der lose Kontakt zu Benedikt Labre blieb sowie die Erinnerungen an die „guten Taten“ meiner Oma.

Sehr viel später (Ende 2016) wollte ich mich zum einen sozial engagieren und zum anderen natürlich wissen, wie das damals bei meiner Oma war mit dem Teefahren. Meine Idee war, an Silvester 2016 Tee zu fahren statt zu böllern. Nachdem der Tee-Bus 363 Tage im Jahr fährt, aber ausgerechnet an Weihnachten und Silvester nicht, hätte ich meine Teefahr-Tour auf unbestimmte Zeit verschoben. Aber Annegret rief dann relativ schnell an, dass sie für den Freitag vor Silvester noch jemanden brauchen würden und ob ich da nicht schon mit fahren will. Zugesagt und mitgefahren. So war am 30.12.2016 meine erste Tee-Ausfahrt oder besser Mitfahrt mit Toni Egle.

Seitdem fahre ich regelmäßig, erst zweimal, inzwischen einmal im Monat mit dem Tee-Bus durch München. Es ist eine sehr schöne und dankbare Aufgabe. Jede Teefahrt erdet mich wieder ein Stück mehr und macht viel Spaß. Inzwischen kennt man auch die Menschen und die Plätze sehr gut. Und bei jeder Tee-Tour fährt in Gedanken meine Oma mit. Es ist schon sehr heilend, die Gesellschaft von dieser Seite kennen zu lernen, zu wissen dass es Menschen in unserer Stadt gibt, die fast nichts haben und auf das angewiesen sind, was wir oder andere Organisationen ihnen an Essen und Kleidung zur Verfügung stellen. Da relativiert sich einiges im eigenen Leben. Plötzlich ist vieles nicht so wichtig wie es vorher schien.

Danke Hilde!

Toni Egle

Mein Name ist Toni Egle, ich bin Jahrgang 1949 und inzwischen Rentner. Davor habe ich als Fernmeldetechniker gearbeitet.

Meine erste Begegnung mit dem Haus und den Bewohnern an der Pommernstraße hatte ich im Herbst 1985. Damals besuchte ich meinen Freund Toni Weber, der zu dieser Zeit als Arbeiterpriester tätig war und hier wohnte. Von ihm erfuhr ich, dass in der Kapelle immer freitagabends Gottesdienst gefeiert wird. In den nächsten Jahren besuchte ich sporadisch diese Gottesdienste und kam so immer mehr in Kontakt mit Walter Lorenz.

Bei einem Gespräch im April 1990 fragte mich Walter, ob ich mir zutrauen würde, als Teefahrer tätig zu werden. Ehrlich gesagt, konnte ich mir das nicht vorstellen, aber er ermunterte mich, mit ihm am Sonntagabend auf Tour zu gehen. Gesagt, getan. Meine erste Fahrt mit der Möwe Jonathan war für mich sehr beeindruckend. So habe ich mir das Ganze nicht vorgestellt. „Weltstadt mit Herz“ war damals der Wahlspruch der Stadt München, und dann leben und schlafen Menschen dieser Stadt auf Bänken und unter Brücken. Es folgten noch mehrere Fahrten mit dem Walter und mir als Beifahrer.

Jedes Mal, wenn ich nach Hause kam, konnte ich nicht einschlafen. Meine Gedanken kreisten um das Geschehen der vergangenen Stunden. Von da an war mir klar, das Teefahren ist mein Ding. Walter war über meine Entscheidung sehr erfreut und augenzwinkernd meinte er, ein paar Jahre sollte ich schon durchhalten. Dass daraus 30 Jahre wurden, konnte sich keiner von uns beiden vorstellen. So begann ich, einmal wöchentlich mit der Möwe Jonathan durch die Stadt zu fahren und Brot und Tee an unsere Freunde von der Straße auszuteilen. Meine Beifahrerin war von nun an für viele Jahre eine Ordensfrau von den Barmherzigen Schwestern. Sie war schon einige Jahre Teefahrerin, und von ihr habe ich eine Menge gelernt.

In all den Jahren gab es viele Begegnungen und Gespräche. Einige sind mir immer noch im Gedächtnis. So auch die Begegnung mit Fritz. Wir unterhielten uns über Fußball, und es fiel der Name Gerd Müller. Darauf meinte der Fritz:“ Der Müller hat mir 5 Tore reingedrückt“. Ich fragte nach, und er sagte mir, dass er im Kreis Nördlingen (wie G. Müller) aufgewachsen ist und in seinem Verein als Torwart Fußball gespielt hatte. Danach erzähle er mir seine traurige Geschichte, wie er nach München gekommen ist. Fritz ist wenige Jahre danach an Krebs erkrankt und daran verstorben. Jedes Mal, wenn ich den Namen Gerd Müller höre, fällt mir diese Geschichte wieder ein.

Jede Woche freitags, das war mein Tag, an dem ich zu meinen Freunden auf der Straße fuhr. Dieser Tag war fest gebucht, und jeder in meiner Familie sowie meine Bekannten wussten, dass ich nicht zu Hause bin. Das wöchentliche Fahren hatte auch den Vorteil, dass ich zu Vielen im Laufe der Zeit eine Beziehung aufbauen konnte, ihre Vornamen wusste und sie so ansprach. Wenn einer von ihnen gestorben ist, dann ist mir das Tage nachgegangen. Als in den letzten Jahren immer mehr Osteuropäer zu uns kamen, wurde die Verständigung schwieriger, und ich war immer froh, wenn ich einen Dolmetscher fand. Ich habe viele von ihnen als nette und dankbare Menschen kennengelernt.

Krankheitsbedingt und vor allem durch die sich abzeichnende Corona-Krise habe ich mich entschlossen, mit dem Teefahren aufzuhören. In der Gewissheit, dass es viele jüngere Leute, gibt die dieses Werk fortsetzen, war meine letzte Teefahrt im März 2020. 30 Jahre habe ich gerne Tee und Brot zu meinen Freunden gebracht, und ich möchte diese Zeit nicht missen. Dankbar bin ich für all diese Jahre. Der verstorbene Bischof Siebler hat es so ausgedrückt: „Was ihr macht, kommt dem Evangelium sehr nah.“

Wolfgang Sreter

Mein Name ist Wolfgang Sréter. Ich arbeite als Autor und Fotograf.
Vor einigen Jahren schrieb Felix Leibrock, der zu diesem Zeitpunkt offensichtlich schon länger als Fahrer unterwegs war, eine Rundmail, dass in der Pommernstrasse Fahrer gesucht würden. Ich meldete mich, Maria nahm mich mit auf eine Tour, und als wir an diesem Abend die Runde beendet hatten, wusste ich, das will ich machen. Seit dieser Zeit fahre ich ein- oder zweimal im Monat, je nach dem, wie oft ich in München bin.
Ich kenne inzwischen viele der Menschen, die an unsere Standplätze kommen. Ich freue mich jedes
Mal, wenn ich sie – noch bei guter Gesundheit – sehe und wenn sie sich auch freuen, weil wir
zuverlässig an 364 Tagen im Jahr mit dem blauen Bus kommen, nachdem wir das Essen in den
Innenstadtklöstern abgeholt haben. Ich bin allerdings auch beunruhigt, wenn ich jemanden längere
Zeit vermisse. Und ich freue mich auf die Gespräche während der Fahrt im Bus. Ich bewundere die
Ärzte, die drei Mal in der Woche mit dem Arztmobil unterwegs sind und mit großer Gelassenheit ihre Arbeit machen.
Das Teefahren hat meine Sicht auf die Stadt verändert, in der ich nun schon so lange lebe. Auch
wenn ich an anderen Tagen in der Innenstadt unterwegs bin, halte ich die Augen offen, ob ich
jemanden sehe, den ich begrüßen kann. Jeden Abend, wenn ich nach einer Runde nach Hause
komme, beschäftigen mich die Menschen, denen ich begegnet bin. Auch nach all den Jahren bin ich
in Sorge, wie sie die Nacht überstehen, vor allem, wenn es kalt ist oder regnet.
Meine Zusammenarbeit mit euch in der Pommernstrasse hat mich in der Überzeugung bestärkt, dass man Menschen aus der Obdachlosigkeit holen kann, wenn man das wirklich will und eine Vision dafür entwickelt.
Ich würde mich freuen, wenn es heuer im Advent wieder eine Begegnung mit allen Fahrer*innen und Mitfahrer*innen geben könnte. Und wenn es noch mehr Käsebrote gibt, freuen sich auch die Menschen auf der Straße.